Siegbert Schefke zu Gast am Goethe-Gymnasium

„Auch heute müssen Mauern überwunden werden und es ist viel leichter geworden, die Welt zu verändern“

geschichte schefke zeitzeugengespraechIm Rahmen des Hessentags veranstaltete die Hessische Landeszentrale für politische Bildung ein Zeitzeugengespräch vor 150 Schülerinnen und Schülern der 9. Klasse im Bensheimer Goethe-Gymnasium. Eingeladen war der ehemalige Bürgerrechtler und DDR-Oppositionelle Siegbert Schefke, der die friedliche Revolution von 1989 entscheidend mitgeprägt hat. Den Schülern der 9. Klassen, die das Thema im Unterricht bisher nur sehr knapp behandeln konnten, berichtete er über das Leben in der DDR, seine persönlichen Erfahrungen mit dem System und die Ereignisse im Herbst 1989.

Schefke ist 1959 in Eberswalde geboren und wuchs in der DDR auf. Er berichtete, davon, wie die eingeschränkten Karrieremöglichkeiten, seine Berufswahl bestimmten, und dass nur eine längere Verpflichtung zum Wehrdienst ihm das ersehnte Architekturstudium ermöglicht hätte, da die DDR-Führung die Berufswahl stark reglementierte. Sein größter Wunsch – den Eifelturm zu berühren – blieb ihm bis zum Ende der DDR ebenso verwehrt wie der Besuch bei seiner Großmutter in Westdeutschland. Aber schon früh, so berichtet Schefke, habe er den Widerspruch der eigenen Erfahrungen zu der Parteipropaganda als Belastung empfunden.

Mit Gleichgesinnten fand Schefke sich zusammen zu einer Gruppe, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die DDR zu verändern. So gründeten sie die Umweltbibliothek in Berlin, veröffentlichten eine Untergrundzeitung und förderten kulturelle Ereignisse, die jenseits der Parteidoktrin möglich waren.

geschichte schefke zeitzeugengespraech 2Auch im Westen berühmt wurde Schefke, gemeinsam mit seinem Partner Aram Radomski, aber durch die Filmaufnahmen, die er heimlich in der DDR angefertigt hat und die er dem Westfernsehen zuspielte. So erhielt man auch in der BRD einen Eindruck vom Zustand der DDR Ende der 80er-Jahre Die Filmaufnahmen, die die beiden von der Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 gemacht hatten, bei der 70.000 Menschen auf die Straße gingen, trugen nachhaltig dazu bei, dass das Aufbegehren in der DDR auch im Westen öffentlich wurde.

Neben diesen Stationen seiner Biographie interessierten sich die Schülerinnen und Schüler des Goethe-Gymnasiums aber vor allem auch für die persönlichen Erfahrungen des Zeitzeugen. So konnte Schefke dann auch davon berichten, dass er durch den Verrat eines Freundes in den Fokus der Stasi geraten ist, dies aber erst bei der Durchsicht seiner Stasiakte in den 90er-Jahren erfahren hat. Eindrucksvoll schilderte Schefke, die Enttäuschung, die er in diesem Moment verspürt hat. Deutlich erfreulicher, aber nicht weniger eindringlich schilderte Schefke zudem die Erlebnisse am 9.November 1989, an dem er als einer der ersten die Grenze an der Bornholmer Brücke in Berlin überschritten hat.

Nach den Berichten über sein Leben und zahlreichen Fragen der Schülerinnen und Schüler über seine persönlichen Erfahrungen im DDR-Regime, sein Umfeld und seine Arbeit für eine andere DDR beendete der Zeitzeuge das Gespräch mit dem Aufruf an die Schülerinnen und Schüler bereit zu sein, Veränderungen in der Welt herbeizuführen, da auch heute noch – im übertragenen Sinne - zahlreiche Mauern einzureißen seien.

Jörg Lienaerts